Dienstag, 26. Mai 2015

Was Kunst kann


Ja, das klingt nach einer Therapiestunde… vielleicht im Anschluss an Kunst Humanismus Leere
Wie dort besprochen, haben wir die Tendenz, uns von (zeitgenössischer ) Kunst abzuwenden, da wir mit der Vielfalt des Ausdrucks nicht zurechtkommen und es schwer fällt, Bemerkenswertes von Banalem zu unterscheiden.
Die Kunst hat sich im 20. Jh. völlig befreit – nach der Entwicklung eines wahnwitzigen Dschungels an  -ismen, ist die Zuordnung zu einer bestimmten Schule eigentlich nicht mehr haltbar. Der Künstler kann sich seine Vorbilder suchen, wo er mag – an aktuelles anknüpfen, mit der Renaissance experimentieren, Volkskunst in allen Varianten einbinden, aber auch Comics, Filme, Höhlenmalerei, alles steht offen. Die Art Brut wird endlich nicht mehr als Therapieform gesehen, sondern als emanzipierte Kunst.
Auch der Wahl des Materials sind keine Grenzen gesetzt – von Marmor bis Müll ist alles gut. Das alles ist natürlich streng ideal betrachtet und von der Notwendigkeit wirtschaftlichen Überlebens entbunden, wo meist der Kunstmarkt die Richtung bestimmt, und der ist jetzt ja nicht unbedingt irgendeinem menschlichen Ideal oder einer großen Idee verpflichtet.

Prinzipiell aber ist die Kunst frei wie noch nie. Theoretisch kann jeder aus allem irgendein Zeugs herstellen und als Kunst betiteln. Das mag jetzt sarkastisch klingen, ist es aber nicht, denn dies ist ein wunderbarer Umstand. Kunst gehört allen, ist Ausdrucksmittel für jeden. Ob das Entstandene dann wirklich Qualität hat, muss der Betrachter entscheiden – das ist der Punkt wo wir uns abwenden, denn eine tiefe Auseinandersetzung mit dem Thema ohne Anleitung braucht Zeit, Kraft und den Mut, sich mit seiner Meinung zu exponieren, also einen recht erwachsenen Zugang.
Trauen wir uns das aber zu, so können wir unglaublich bereichert werden… Denn Kunst darf alles, und so können wir auch alles finden.
Und sie kann so viel ausdrücken! Bildende Kunst berührt Dinge, die Text und Sprache nicht erreichen. Wir können sie also auch sprachlos rezipieren und einfach schauend in Kontakt treten, spüren, wie eine Seite in uns zum Klingen gebracht wird und wenn wir es zulassen, uns erweitert – als würde der gewonnene Ton in einen Raum hinein schwingen, von dem wir nicht wussten, dass es ihn gibt.
Kunst kann uns eine zusätzliche Ebene bieten, komplexe Themen zu verstehen.
Kunst kann eine Lücke schlagen in unsere Konzepte  von der Welt und uns erweitern. Sie kann bewirken, dass wir unseren Schutzschirm herunter lassen und weiter und größer werden.
Ein großartiges Angebot! Und eines, das wir umso besser nutzen können, wenn wir selbst suchen und finden, unabhängig vom Kunstmarkt und letztlich auch von anderen Institutionen.. .wobei auch das dort Vertretene uns die gleichen Horizonte eröffnet. Aber es muss uns klar sein, das dies nur ein Bruchteil des Möglichen ist.
Wir dürfen uns nicht fürchten – wenn Kunst nicht innerhalb unserer Parameter fassbar ist, dann heißt das, dass sie es vermag, uns über alle Grenzen hinaus zu erweitern. Unglaubliche Reichtümer warten. Alle im eigenen Geist. Und die Kunst kann uns dahin führen.
Therapiesitzung beendet.

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